Die Finals, 03.06.2021

Seit 2008 kommentiert Ronny Ziesmer als Experte im ZDF die Turnwettkämpfe. Die „Finals 2021 Berlin | Rhein Ruhr“ im Gerätturnen wird der 41-Jährige wieder mit Alexander Ruda fachkundig analysieren. Ziesmer war selber Deutscher Meister im Mehrkampf. In der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2004 in Athen stürzte der Cottbuser schwer und ist seitdem querschnittgelähmt. Die Wettbewerbe in der Dortmunder Westfalenhalle sind gleichzeitig die erste Olympia-Qualifikation. Am 12. Juni folgt in München die zweite und letzte nationale Qualifikation für die Reise nach Tokio.

Ronny Ziesmer, wie viele andere Sportarten ist auch das Gerätturnen während der Corona-Pandemie zum Erliegen gekommen. Was erwarten Sie von den deutschen Meisterschaften im Rahmen der „Finals 2021 Berlin | Rhein Ruhr“ in Dortmund?

Das werden nach der langen Wettkampfpause besondere Meisterschaften. Ich war zwar Ende April für das ZDF auch bei den Europameisterschaften in Basel, musste mich aber auch erst wieder ein bisschen hineinfuchsen – gerade bei den Frauen. Ähnlich wird es jetzt den Aktiven gehen. Diese lange Wettkampfpause war schon für viele sehr ungewöhnlich – keiner weiß deshalb so richtig, was auf ihn zukommt. Die Erwartungshaltungen werden weit auseinander gehen. Ich denke, dass die EM-Starter deshalb einen kleinen Vorteil haben, weil sie schon auf großer Bühne einmal turnen konnten. Gerade im Turnen kommt es ja nicht nur auf die Physis sondern auch die Psyche an.

Bei der EM wurde Andreas Toba Zweiter am Reck und Lukas Dauser holte die Bronzemedaille am Barren. Wen haben Sie noch auf dem Zettel?

Mit Lukas Dauser (Anm. der Red.: Berlin) und Andreas Toba (Hannover) muss man in Dortmund unbedingt rechnen – ich gehe auch davon aus, dass beide in der Mannschaft für Tokio stehen werden. Nick Klessing (Halle), Felix Remuta (Unterhaching) und Karim Rida (Berlin) sind weitere Namen, die eine Rolle spielen können. Auch Marcel Nguyen (Unterhaching) hätte sicher dazugehört. Sein Ausfall nach seinem Kreuzbandriss ist ein herber Schlag. Dauser, Toba, Klessing, Remuta und Rida könnten der Kern der Mannschaft sein. Was die Genannten derzeit für eine Leistung abrufen können, ist aber nicht zu prognostizieren. Ich denke, es wird in Dortmund und eine Woche später deshalb vor allem darum gehen, sich gut zu präsentieren, damit der neue Bundestrainer Waleri Belenki eine starke Mannschaft für die unmittelbare Olympia-Vorbereitung bilden kann. Da wird es sicherlich einen größeren Kreis geben – so acht bis zehn Turner. In Kienbaum wird es dann um den Feinschliff für Tokio gehen.

Wo steht das deutsche Turnen nach dem Ende der Ära, die Fabian Hambüchen mit der Goldmedaille am Reck bei den Olympischen Spielen in Rio über ein Jahrzehnt mitgestaltet und geprägt hat?

Einen Fabian Hambüchen zu ersetzen, ist natürlich schwer. So einen Turner gibt es zurzeit nicht. Auf der anderen Seite hat Lukas Dauser eine Weltklasse-Übung am Barren. Erwischt er einen guten Tag, kann er um die Medaillen mitturnen. Es gibt also Möglichkeiten. Die Konkurrenz ist aber groß – in Europa hat sich neben Russland zum Beispiel die Türkei sehr gut entwickelt.  Natürlich sind dann die Top-Turner aus Japan, China und Korea zu beachten. Und aus den USA.

Was trauen Sie den deutschen Frauen in Tokio zu?

Ich weiß, dass die Frauen sehr gut in der „Zwangspause“ gearbeitet haben – das ließ sich über Social Media gut verfolgen. Bei der EM, bei der die Russinnen einen starken Eindruck hinterlassen haben, konnten sie sich gut präsentieren. Aber das war Europa – bei den Olympischen Spielen kommen noch die starken Amerikanerinnen hinzu. China und Brasilien haben auch einige ganz starke Turnerinnen. Es sind einige gute Übungen vorhanden – aber bei Olympia muss alles passen. Und noch mehr.

Sie haben einige Zeit als Handbiker auf sich aufmerksam gemacht, 2018 zudem an den Para-Leichtathletik-Europameisterschaften im Keulenwurf teilgenommen. Wie ist der aktuelle Stand?

Handbiken ist Ausdauersport, das liegt mir als ehemaliger Turner nicht so. Deshalb bin ich zur Leichtathletik gewechselt und nutze das Handbike nur noch zum Kompensationstraining. In der Leichtathletik bin ich unter die Werfer gegangen und trainiere mit der Keule, da ich keine Fingerfunktionen habe.

Sind die Paralympics in diesem Jahr in Tokio ein Thema für Sie?

Nein, das ist kein Thema, da sind die Normen noch zu schwierig, da komme ich nicht ran. Da muss ich noch eine Weile trainieren, damit das mal klappt. Das Erreichen des sportlichen Zenits ist aber schon ein Thema und Traum für mich – vorausgesetzt der Körper macht weiterhin das Training mit und die Umfeld-Bedingungen hier in Cottbus sind weiter vorhanden. Dafür trainiere ich jeden Tag. Der Weg ist das Ziel.